Ruine Europa

Tojo Theater Bern, 12.-14. September 2013

Alle Welt spricht vom Untergang Europas: Wir verlieren unsere humanistischen Werte, wir gehen unter im Strom der Zuwandernden, wir sind keine glaubwurdige Instanz mehr, wir können nicht mehr mit der Konkurrenz auf dem Weltmarkt mithalten – kurz und gut, Europa ist altmodisch und passt nicht in die Welt von heute.

Und wie sieht es mit dem Theater aus? Egal, worum es im Theater geht, welche Ideen dort ausgesprochen werden, wie fest es sein Publikum herausfordert, kritisiert, angreift, provoziert, am Ende apllaudieren die Zuschauenden brav, verlassen den Saal und kehren in ihren Alltag zurück. Kann Theater überhaupt die Welt noch verändern?

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Sowohl die Frage nach der Europakrise als auch die nach der Theaterkrise sollte in Ruine Europa gestellt werden. Im ersten Teil des Abends probierte Tobak Lithium verschiedene Theaterformen aus, die sich mit unterschiedlichen Themen zu Europa befassten. Nach jeder Form wurde das Publikum stichprobenartig danach befragt, ob es jetzt etwas ändern wolle, was und wann. So erhielt jede Theaterform (Drama, Performance etc.) ein Rating – ganz wie die europäischen Länder und Unternehmen.

Mehr und mehr löste sich aber diese dramaturgische Struktur auf, entweder durch das Vermischen und Ineinanderübergehen von unterschiedlichen Theaterformen oder auch durch das Publikum selbst, das mit einem Male aktiver an dem Abend teilnahm, dazwischen rief, buhte oder auch mit Eiern schmiss. Nahtlos ging der erste noch sehr klassische Theaterabend in ein Publikumsgespräch über, in dem Tobak Lithium zwar mehrheitlich über politisches Engagement in Bezug auf Europa sprechen wollte, meistens die Diskussion aber zum Theater selber schritt. Form, das merkte Tobak Lithium schnell, war also immer noch wichtiger als der Inhalt.

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Damit aber Ruine Europa nicht verlief wie alle anderen “kritischen” Theaterabende endete, in denen nur geredet wird, bestand der letzte Teil des Abends in einer Prozession auf den Bundesplatzes. Ziel war es, Europa persönlich zu Grabe zu tragen und die Wünsche an ein neues Europa (des Publikums) zu verkünden.

Durch die offene Struktur des Abends war es dem Publikum fast immer möglich, in das Geschehen einzugreifen. Aus diesem Grund verlief jede Vorstellung anders und unterschiedlich kontrovers. Während es bei der Premiere zu einer hitzigen Debatte kam (und einem Ei), verhielt sich das Publikum deutlich höflicher und zurückhaltender in den anderen beiden Vorstellungen.

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Roland Fischer in KulturStattBern (13.09.2013):

So wird das ein Perfor(man)ceritt durch die Möglichkeiten – und halt eben auch: Unmöglichkeiten des Theaters. Und es ist seltsam: So anregend und nachhaltig hat man schon lange niemanden mehr scheitern gesehen auf der Bühne. Was die zwei da im Sinn haben, nämlich zu fragen, was Theater heute noch kann (gerade auch in politischer Hinsicht), geht zwar gründlich schief, aber dieses Schiefgehen inszenieren sie so durchlässig und mit so, darf man sagen?: gekonnter Ehrlichkeit, dass sehr viel Unerwartetes passiert zwischen Bühne und Tribüne, und das macht den Abend trotz einiger Längen zu einem sehr sehenswerten Experiment.

Hier geht’s zu den dazugehörigen Posts.

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