Die Erzählungen der Alpedrosi

UA Schlachthaus Theater Bern, 24. November 2011

Nachdem die Schweiz wie viele andere Länder auch die Konvention zum Schutze des Immateri- ellen Kulturerbes der Unesco unterschrieben hatte, begann sie im Jahre 2011 damit, eine Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufzunehmen, um bei der Unesco ein Inventar des Immateriellen Kulturerbes (IKE) zu beantragen. Im September 2011 wurde die Liste der lebendigen Traditionen zum ersten Mal veröffentlicht. Auf ihr finden sich u.a. Dinge wie das Jassen, das Rezept zum Zubereiten eines Fondues sowie Mani Matter und die Berner Mundartmusik. Gleichzeitig mit dem Schutzfaschismus hört man im politischen Diskurs den Topos des Kulturverfalls.

Alles Fremde, sofern kultureller Natur, wird als Bedrohung der eigenen Kultur verstanden; man spricht von einem Kulturverfall – ohne zu bedenken, dass jede Kultur reich geworden ist durch ein Aufeinanderprallen, ein Mischen, einen Austausch mit anderen Kulturen. Was wirtschaftlich als Fortschritt gilt, wird kulturell als Verfall begriffen.

Für Tobak Lithium stellt der Schutz einer Tradition nicht nur einen Willkürakt dar, sondern auch eine konservative Strömung. Ein Instrument, das dem rechten Lager einmal mehr zur Etablierung ihrer Macht verhilft. Dabei versteht Tobak Lithium Tradition als etwas Gemachtes, also ein Konstrukt, das von bestimmten Gruppen gebildet wird. Jede Tradition ist erfunden. Mit Die Erzählungen der Alpedrosi soll das Publikum auf diese Verbindung von Macht und gemachter Tradition aufmerksam gemacht und sensibilisiert werden.

Zu diesem Zweck wurde zunächst eine Tradition erfunden: die Tradition der Alpedrosi. Unter einem Alpedrosi versteht man einen Sänger, der, von einem Trommler begleitet, urschweizerische Geschichten erzählt (sog. Rosen). Neben einer umfangreichen Geschichte erfanden wir auch eine Poetologie und entwarfen danach einen Alpedrosi-Vortrag, der die Rose von Willem Tellet erzählt.

Tobak Lithium erzählt

Der Abend begann allerdings mit einem Power-Point-Vortrag, in dem wir, unter Einbezug klein- er ironischer Signale, die auf die Gemachtheit des ganzen Abends deuten sollten, über das IKE, die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz, im selben Stil aber auch von der Tradition der Alpedrosi und unseren Erfahrungen damit berichteten. Im zweiten Teil des Vortragsabends zeigten wir den erfundenen Alpedrosi-Vortrag selbst. Im Anschluss daran informierten wir über unseren Verein, der sich die Erhaltung dieser Tradition zum Zweck gesetzt hat. Der letzte Teil bestand aus einem Publikumsgespräch, in dem nicht das Publikum uns, sondern wir dem Publikum immer kritischere Fragen zum IKE und der UNESCO stellten.

Der Alpedrosi-Vortrag

Bis zum Schluss liessen wir die Leute in dem Glauben, die Tradition gebe es bzw. dass wir den Vortrag wirklich ernst meinten. So gab es am Ende kein Black und wir blieben auf der Bühne.
Ein seriöser Vortrag eben.
Ein Großteil des Publikums glaubte unserem Vortrag. Selbst wenn sie die ironischen Signale be- merkt hatten, waren sie von unserem Inhalt alles in allem überzeugt gewesen (bis wir im privaten Gespräch den Sachverhalt klären konnten). Eine Zuschauerin bemerkte nach einer Vorstellung, dass sie zwar Zweifel hatte, uns aber unbedingt Glauben schenken wollte. Viele waren überrascht, wie schnell sie Dinge einfach glauben würden, obwohl der Abend im Programm zweifelsfrei als Theaterabend ausgezeichnet war.

Tobak Lithium sammelt Unterschriften
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